Wenn das Leben dir Grün schenkt
New Adult · Sapphic Romance
- In sich abgeschlossen
- Waldhotel am Schimmersee
- 268 Seiten
- Erscheint am 31. Juli 2026
Worum geht's?
Elli funktioniert. Seit Jahren hält sie mit Listen und Plänen das Leben aller anderen am Laufen – und merkt kaum noch, dass ihr eigenes dabei stehen bleibt. Als ihr dreiwöchiger Urlaub endlich beginnt, fährt sie mit ihren zwei besten Freundinnen an einen Waldsee: weg von der Stadt, dem Büro und allem, was sie seit Monaten aushöhlt. Toni, die aus allem ein Abenteuer macht, Fenja, die wenig sagt und alles sieht – und Elli, die eigentlich nur schlafen und ihre Ruhe haben will.
Dann begegnet sie Joy. Grünes Haar, ein Karabiner an der Hüfte, ein Lächeln, das Elli viel zu lange im Kopf bleibt. Zwischen Lagerfeuern, Sommerhitze, schimmerndem See und Lichterketten spürt Elli zum ersten Mal seit Langem etwas, das nicht Erschöpfung ist. Und je näher Joy ihr kommt, desto schwerer wird es, so zu tun, als wüsste sie nicht längst, dass sich etwas verändert.
In drei Wochen muss Elli wieder nach Hause. Zurück in ihren Job, ihre Wohnung, ihr altes Leben. Es sei denn, sie traut sich, zum ersten Mal wirklich zu entscheiden, was sie selbst will.
Eine warme, langsam entflammende Liebesgeschichte über Freundschaft, Erschöpfung, queeres Erwachen und den Mut, ein Leben loszulassen, das nicht mehr passt.
Leseprobe
Lies schon mal rein.
Kapitel eins Nicht bereit, aber unterwegs
Die letzte Mail vor meinem Urlaub müsste eigentlich nur aus einem Satz bestehen: Bitte lasst mich drei Wochen in Ruhe.
Leider bin ich beruflich sozialisiert genug, daraus vier Absätze, zwei Kompromissangebote und eine freundliche Grußformel zu bilden. Also lese ich die Nachricht zum dritten Mal durch, obwohl sich der Inhalt dadurch nicht verbessert. Im Gegenteil. Je länger ich auf die Worte starre, desto mehr klingen meine Worte nach jemandem, der sich für seine gesetzlich zugesicherte Auszeit entschuldigt.
Hallo zusammen,
anbei wie besprochen die aktualisierte Übersicht für Projekt Wagner. Die offenen Punkte habe ich in Gelb markiert. Für Rückfragen steht euch während meiner Abwesenheit …
Ich halte inne.
Während meiner Abwesenheit.
Das klingt schön. Nach Abstand. Nach einer Version von mir, die morgens nicht mit dem Handy in der Hand aufwacht. Die noch vor dem ersten Kaffee prüft, ob irgendjemand irgendwo ein Problem hat, das zufällig meinen Namen trägt.
Scheiße, ich brauche diese Auszeit so dringend.
Ich lösche den letzten Satz und schreibe ihn neu.
Für Rückfragen steht euch Frau Keller zur Verfügung.
Das ist sachlich, professionell, vollkommen angemessen. Und vor allem ausreichend.
Es fühlt sich trotzdem an, als würde ich Frau Keller einem Rudel hungriger Projektmanager zum Fraß vorwerfen. Andererseits ist sie so eine, die fröhlich zurückbeißt, zerfleischt und dann genüsslich die Leichenteile verscharrt. Wer sie als Feind im Leben hat, kann sich schon mal einen Urnenplatz aussuchen – für ein Grab bleibt da zu wenig übrig, als dass sich das lohnen würde.
Ich sehe über meinen Monitor hinweg zu ihrem leeren Schreibtisch. Vernünftiger als ich war sie in jedem Fall – vor allem als sie bereits um dreizehn Uhr beschloss, dass das Büro am Freitagnachmittag kein Ort war, an dem ein Mensch mit Lebenswillen noch existieren sollte.
Nun. Deshalb sitze ich noch hier.
17:05 Uhr.
Mit einem leisen Seufzer schicke ich die Mail weg, stelle die Abwesenheitsnotiz ein und lasse mich in den Stuhl sinken. Eigentlich müsste ich wenigstens meinen Schreibtisch aufräumen. Aber der Gedanke, dass das Chaos leider auch noch nach meinem Urlaub da ist, bringt mich letztlich doch dazu, die Tasche zu packen und mich endlich aus dem Büro zu verabschieden.
Nur wenig später landet der Blazer zusammen mit der Tasche auf meinem Rücksitz. Die Tiefgarage strahlt in ihrer üblichen, fahlen Trostlosigkeit. Ich bleibe einen Moment stehen, eine Hand noch an der kühlen Autotür und starre in die graue Leere der anderen Parkplätze. Das leise, ununterbrochene Brummen der Leuchtstoffröhren über mir scheint jede Sekunde lauter zu werden.
Ich schließe die Augen und versuche, einmal tief durchzuatmen. Mein Atem ist zittrig, mein ganzer Oberkörper verspannt. Die Anspannung sitzt mir im Nacken – eine harte, unnachgiebige Linie, die sich bis in meine Kiefermuskeln zieht.
Ich fahre mir mit beiden Händen durch die Haare und spüre, wie ein paar Strähnen an meinen Fingern hängen bleiben. Ich sehe vermutlich gerade aus wie jemand, der entweder seinen überfälligen Urlaub beginnt oder kurz davor ist, einen Nervenzusammenbruch zu haben.
Fleißig wie ich bin, würde ich mich irgendwie in beidem sehen.
Letztlich schwinge ich mich dann aber doch ins Auto, lasse den Motor an und fahre aus der Tiefgarage. Erst als sich das schwere Metalltor hinter mir das letzte Mal für die nächsten drei Wochen schließt, scheint ein wenig Druck von meiner Brust zu fallen.
Als ich die Auffahrt der Tiefgarage hochrolle, bricht die Sonne durch das Tor. Das warme, goldene Freitagslicht klatscht mir fast schon unverschämt direkt ins Gesicht, und für einen Moment muss ich die Augen zusammenkneifen. Immerhin, weg von der grauen Funktionswelt, hinein in den echten, lebendigen Spätnachmittag.
Zufrieden und irgendwie erleichtert tippe ich auf meinem Autodisplay auf »Nugget-Terminator« – der Kontaktname meiner besten Freundin Toni, weil sie jedes Mal bei Fast-Food-Ketten die Nuggets vernichtet wie keine Zweite.
»URLAUB, BAAAABY!«, kommt es aus den Lautsprechern gebrüllt.
Die Stimme ist so ohrenbetäubend, dass ich mit verzogener Grimasse und hochgeschnellten Schultern den Lautstärkeregler am Lenkrad nach unten reiße, als ginge es um mein Leben. Oder zumindest um meine Fähigkeit, auch nach diesem Telefonat noch hören zu können.
»Heilige Scheiße, Toni. Willst du, dass ich gegen 'nen Baum fahre oder so?«
Das laute, ungefilterte Gegacker, das daraufhin aus den Lautsprechern kommt, hilft mir nicht gerade bei der Einschätzung einer Antwort. Nur kann ich nicht behaupten, dass ich so etwas nicht gewohnt wäre, weshalb sich meine Lippen ein paar Sekunden später trotzdem zu einem schiefen Grinsen formen.
»Ich kann dich schlecht gegen einen Baum fahren lassen«, sagt Toni schließlich, hörbar zufrieden mit sich selbst und ihrer grandiosen Begrüßung. »Du musst mich ja noch abholen. Wer trägt sonst meine Taschen?«
»Das ist also deine moralische Untergrenze für mein Überleben?«
»Ich habe nie behauptet, dass sie besonders hoch liegt.«
Ich schnaube amüsiert, setze den Blinker und ordne mich in den Feierabendverkehr ein, der offenbar kollektiv beschlossen hat, genau in diesem Moment in meine Richtung zu eskalieren. Zu allem Überfluss kriecht vor mir ein silberner Kleinwagen so vorsichtig über die Straße, dass ich ihm am liebsten in den Autoreifen beißen würde. Und wäre da nicht der Gedanke an den danach folgenden Besuch beim Zahnarzt, würde ich das ernsthaft in Betracht ziehen.
»Bist du schon fertig?«, frage ich, um mich abzulenken, bereue die Frage aber noch in derselben Sekunde. Am anderen Ende der Leitung entsteht eine vielsagende Pause. Sie ist nur kurz, aber lang genug, um mein inneres Alarmsystem hochzufahren. Ich höre im Hintergrund ein unbestimmtes Rascheln.
»… Definiere fertig«, druckst sie schließlich herum.
Ich blinzle einmal zu lange, was eine extrem schlechte Idee ist, weil ich immerhin noch am Steuer sitze. Also starre ich auf die Straße – mit der vollen Enttäuschung einer Frau, die diesen Fehler nicht zum ersten Mal gemacht hat.
»Toni.«
»Ich bin angezogen, Elli. Komplett angezogen.«
»Das ist kein Packstatus.«
»Es ist die wichtigste Grundlage für jeden weiteren Schritt«, beharrt sie, und ich kann förmlich sehen, wie sie dabei gestikuliert.
»Antonia.«
»Oh shit, jetzt kommen die Behördennamen. Bedeutet das, die Stimmung kippt ins Diktatorische?«
Ich höre ein plötzliches, lautes Poltern. Es ist ein dumpfes Geräusch, gefolgt von etwas, das verdächtig nach einer Flasche Deo klingt. Ein Deo, das von einer Matratze auf den Boden fällt, schwungvoll unters Bett rollt und dort ihr Schicksal im Staub akzeptiert.
»Was genau war das gerade?«, frage ich und ziehe eine Augenbraue hoch.
»Nichts von weltbewegender Bedeutung.«
»War das dein Deo?«
»Das kommt ganz darauf an, wie streng du den Begriff Deo auslegst.«
Ich atme langsam durch die Nase ein. Diese Art von Atmen, bei der man sich selbst einredet, man sei ruhig, obwohl innerlich bereits mehrere kleine Abteilungen Krisensitzungen einberufen haben.
Ich muss höllisch aufpassen, denn leider neige ich in solchen Situationen dazu, den Durchschnittsverbrauch des Autos in die Höhe zu treiben. Und ein Blitzerfoto würde nur unnötig Geld vom Urlaubsbudget verschlingen.
»Ich bin in zwanzig Minuten bei dir, Toni. Stell dich einfach darauf ein.«
»Super«, schmettert sie mir entgegen. Ihre Stimme rutscht dabei spontan eine gute Oktave nach oben, und ich höre das verräterische Geräusch von aufeinandergepressten Zähnen.
»Super heißt in diesem Fall: Du stehst dann unten an der Straße, richtig?«
»Hä? Ja natürlich, absolut. Was denkst du denn von mir?«
»Mit Koffer.«
»Selbstverständlich.«
»Gepacktem Koffer«, ergänze ich schnell, als ich meinen Definitionsfehler selbst entdecke.
Doch da ist sie wieder, diese bleierne, verdächtige Stille auf der anderen Seite.
»Du … bist heute sehr detailverliebt, weißt du das?«
»Toni.«
»Ja doch, mein Gott. Ich packe ja schon. Ich musste nur noch entscheiden, welche Sonnenbrillen mitkommen.«
»Eine.«
Sie lacht so ehrlich empört, dass ich trotz meines Wunsches, sie zu erwürgen, grinsen muss.
»Elli, Schatz. Wir fahren drei Wochen in den Urlaub. Das ist kein Survival-Trip, bei dem man sich zwischen Brille und Feuerstahl entscheiden muss.«
»Du brauchst trotzdem keine vier verschiedenen Sonnenbrillen, Girl.«
»Das ist eine verdammt mutige Aussage für jemanden, der drei nahezu identische graue Kapuzenpullis besitzt«, kontert sie blitzschnell. »Und steif und fest behauptet, sie hätten völlig unterschiedliche Einsatzzwecke, obwohl sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit am exakt selben Tag im exakt selben Laden von derselben Stange gezogen wurden.«
Ich … kann nichts dagegen sagen.
Okay.
Punkt für Toni.
»Die haben unterschiedliche Stoffdicken«, murmle ich schließlich. Auch wenn ich weiß, dass sie diese Lüge nicht eine einzige Sekunde glauben wird.
»Natürlich haben sie das.« Ihre Stimme trieft plötzlich vor falscher, mütterlicher Anteilnahme. »Und ich bin mir absolut sicher, dass sich die Kapuzen emotional extrem stark voneinander unterscheiden.«
»Ich lege jetzt auf.«
»Tust du nicht. Du liebst mich.«
Leider hat sie recht. Und noch leidvoller ist die Tatsache, dass sie diese Macht schamlos ausnutzt.
Ich rolle langsam auf eine Ampel zu, die selbstverständlich genau in dem Moment auf Rot springt. Neben mir kommt ein Lieferwagen zum Stehen, dessen Fahrer mit so viel Leidenschaft in ein Brötchen beißt, als wäre es sein erstes Essen nach dem Knast. Ich sehe schnell weg, bevor meinem Gehirn einfällt, dass ich seit heute Mittag nichts Vernünftiges mehr gegessen habe.
»Sag mal, hast du eigentlich selbst schon fertig gepackt?«, fragt Toni plötzlich mit einem Tonfall, der mir viel zu unschuldig vorkommt.
Ich blinzle das Autodisplay an. »Äh, wie bitte?«
»Du hast mich schon verstanden, Madame.«
»Ich sitze im Auto, Toni. Ich fahre.«
»Das beantwortet meine Frage nicht.«
Die Ampel springt auf Grün. Ich fahre an – deutlich kontrollierter als mein Gehirn, das gerade unter Hochdruck verschiedene juristische Definitionen des Begriffs »gepackt« prüft und keine davon besonders gut für mich aussieht.
»Ich habe eine Liste«, verteidige ich mich schließlich und versuche, meiner Stimme ein gesundes Maß an Autorität zu verleihen. »Eine sehr gute, detaillierte Liste.«
Auf der anderen Seite der Leitung wird es still. Nicht einfach nur still. Toni-still.
»Elisabeth.«
Ohoh. Das war der Tonfall, den auch meine Mutter früher benutzte, wenn ich als Kind Brokkoli unter dem Teppich verstecken wollte.
»Sie ist farblich codiert und strukturiert«, füge ich hastig hinzu.
»Du hast nicht gepackt«, stellt Toni mit der unbarmherzigen Klarheit einer Richterin fest.
»Ich habe gedanklich gepackt. Das ist ein extrem wichtiger kognitiver Vorbereitungsschritt, Toni. Man muss die Dinge erst im Geist sortiert haben, bevor man sie physisch in ein Behältnis wirft.«
Es folgt ein theatralisches Aufschreien, das so laut ist, dass ich fast befürchte, die Fensterscheiben meines Wagens könnten springen. Ich zucke unwillkürlich zusammen.
»Elisabeth Brandt. Willst du mich eigentlich komplett verarschen?«, poltert sie los, und im Hintergrund höre ich das dumpfe, rhythmische Klatschen ihrer nackten Fußsohlen auf dem Laminat – das untrügliche Zeichen dafür, dass sie gerade empört im Kreis läuft. »Ich werde hier seit zehn Minuten im Kreuzverhör gegrillt. Mir wird mein gottgegebenes Recht auf modische Vielfalt und vier absolut lebensnotwendige Sonnenbrillen abgesprochen. Ich werde als logistische Katastrophe dargestellt – und das alles von einer Frau, deren Koffer sich aktuell noch in der Phase einer spirituellen Idee befindet?«
»Toni, das ist organisatorisch überhaupt kein Vergleich …«
»Ruhe im Saal!«
Ich presse die Lippen zusammen.
»Bei mir bewegt sich immerhin was, und du? Hast absolut nichts vorzuweisen außer einer farbcodierten Illusion.«
Ich ziehe den Kopf ein, obwohl sie mich gar nicht sehen kann. »Ich habe den Koffer gestern Abend zumindest schon mal aus dem Abstellraum geholt und im Schlafzimmer auf den Boden gelegt.«
»Oh, auf den Boden gelegt«, höhnt Toni, und ich höre ein lautes Rascheln, dann ein Poltern, gefolgt von einem leisen »Aua«. Ganz, als wäre sie am anderen Ende der Leitung in ihrer Aufregung mit dem Fuß gegen den Koffer geknallt.
»Hört, hört. Ein leerer Koffer als architektonisches Statement im Raum. Na, da gratuliere ich recht herzlich zu diesem Meilenstein.«
Ich versuche krampfhaft, das Gesicht zu wahren. Ich beiße mir auf die Unterlippe, kneife die Augen zusammen und kämpfe gegen das verräterische Zittern an, das in meiner Brust aufsteigt. Aber gegen Tonis unerschütterlichen, theatralischen Ernst habe ich absolut keine Abwehrkräfte. Ein erstes, hilfloses Prusten entwischt mir, und dann bricht der Damm. Ich lache los, bis ich kaum noch Luft kriege und heilfroh bin, dass ich gerade eh nur im Schneckentempo hinter dem Verkehr herzuckle.
Und es überrascht mich fast, wie leicht es sich anfühlt. Nicht komplett unbeschwert. Dafür sitzt die Müdigkeit der letzten Wochen noch zu tief im Gewebe. Aber es fühlt sich an wie etwas, das viel zu lange vergraben lag.
»Ich fahr nachher einfach kurz nach Hause, werfe in zehn Minuten alles in den Koffer und dann holen wir Fenja ab«, schlage ich vor und versuche, pragmatisch zu klingen.
»Das heißt bei dir doch niemals einfach nur reinwerfen, Elli. Das läuft bei dir so ab: Du legst jedes einzelne Kleidungsstück flach aufs Bett, starrst es fünf Minuten lang an, bekommst eine mittelschwere Existenzkrise wegen der Socken-Auswahl und entscheidest dann panisch, dass eine einzige Jeans für drei Wochen reicht, weil man Denim ja theoretisch auslüften kann.«
Ich muss unwillkürlich lächeln. »Ich würde niemals nur eine Jeans mitnehmen.«
»Stimmt. Du würdest zwei mitnehmen wollen, aber die bessere von beiden auf dem Bügelbrett vergessen.«
»Das … ist verletzend konkret, Toni.«
»Immer wieder gerne, Schatzi. Ich kenne dich schließlich nicht erst seit gestern.«
Und genau das ist das Problem. Sie kennt mich gut genug, um zu wissen, dass ich innerlich bereits durch meine Wohnung laufe und versuche, mich daran zu erinnern, ob meine Kulturtasche im Badezimmer, im Kleiderschrank oder noch in der Sporttasche liegt, die ich seit Februar nicht mehr angefasst habe.
»Außerdem«, schießt Toni mit neuem Schwung nach, »bin ich wenigstens schon am Packen. Bei dir existiert einfach nur ein Zettel. Seit wann ist 'ne Liste bitte ein Gepäckstück, Elli? Was willst du damit im Wald?«
»Sie ist die Seele vom Gepäck, okay?«, verteidige ich mein System halbherzig.
»Die Seele vom Gepäck bringt dir im Wald leider auch keine frischen Schlüpfer«, kontert sie trocken.
Ich lache auf und schüttle ungläubig den Kopf, während der Verkehr vor mir wieder zum Stillstand kommt. »Okay«, gebe ich mich geschlagen. »Der Punkt geht an dich.«
»Nicht nur der Punkt. Das war das ganze Match. Ich nehme meine Trophäe übrigens auch in bar, danke.«
»Pff, du kriegst gar nichts.«
»Doch. Eine hochoffizielle Entschuldigung dafür, dass du meine fortgeschrittenen Reisevorbereitungen so in den Dreck gezogen hast.«
»Es tut mir leid, dass ich deine vier Sonnenbrillen nicht als Ausdruck tiefer, emotionaler Urlaubsreife gewürdigt habe.«
»Schon besser«, schnaubt Toni hochmütig. »Ich nehme das mal unter Vorbehalt an.«
Plötzlich blinkt auf meinem Autodisplay eine neue Nachricht auf. Der Name Fenja erscheint auf dem Bildschirm.
Ich bin fertig. Sagt Bescheid, wenn ihr angefangen habt, zu packen 😇︎
Ich lese den Satz zweimal, und mir entwischt ein Grinsen.
»Fenja hat geschrieben. Sie ist ready«, berichte ich.
Toni lässt ein extrem genervtes Schnauben hören. »War ja klar. Frau-Perfekt-organisiert war safe schon gestern fertig, hat heute Morgen noch fix ihre Shirts nach dem Farbkreis sortiert und zieht sich jetzt tiefenentspannt irgendeinen Manga rein, während wir uns hier gegenseitig fertigmachen.«
Ich gluckse leise, während das Telefonat in ein vertrautes, fast schon gemütliches Rauschen übergeht. Es ist genau dieses unperfekte, chaotische Rauschen, das ich in den letzten Monaten so schmerzhaft vermisst habe – der perfekte Puffer gegen die kalte, stumme Bürowelt, die ich gerade hinter mir lasse. Während Toni am anderen Ende der Leitung weiter vor sich hin brummt und wahrscheinlich gerade einen Stapel T-Shirts umschmeißt, gleitet mein Auto fast von allein durch die vertrauten Kurven meines Viertels.
Ich biege endlich in meine Straße ein. Erst jetzt, als ich das vertraute Kopfsteinpflaster unter den Reifen spüre, merke ich, dass meine Schultern schon wieder fast auf der Höhe meiner Ohren hängen. Ganz bewusst zwinge ich sie nach unten. Einmal. Zweimal. Es fühlt sich so an, als müsste ich meinen eigenen Körper physisch daran erinnern, dass der Arbeitstag vorbei ist. Dass keine E-Mail mehr kommt, die ich sofort beantworten muss. Dass Frau Keller jetzt wie eine mittelalterliche Stadtmauer zwischen mir und dem gesamten Büro steht – wobei der Gedanke an Frau Kellers grimmige Effizienz tatsächlich ein bisschen hilft.
»Okay«, sage ich, und die Worte sind eigentlich mehr an mich selbst gerichtet als an die Freisprechanlage. »Ich bin gleich da. Ich packe jetzt wirklich.«
»Soll ich am Apparat bleiben und dich seelisch supporten?«
»Bloß nicht. Das endet im absoluten Desaster.«
»Ich könnte dir aggressive Motivations-Mucke aufdrehen.«
»Du würdest mich einfach nur anschreien, Toni.«
»Ja, ja. Aber voll liebevoll und so.«
»Von der besten Freundin zur Motivation ›liebevoll‹ angeschrien werden. Hach, könnte mir für den Urlaubsanfang nichts Schöneres vorstellen.«
»Siehst du? Besties verstehen sich halt blind.«
Das Auto wird von mir elegant in die Parklücke vor meinem Haus manövriert, dann ziehe ich den Schlüssel ab und der Motor verstummt mit einem leisen Seufzen. Und mit einem Mal ist es still im Wagen. Nicht komplett lautlos – draußen bellt irgendwo ein Hund, ein Fahrrad fährt scheppernd über den Gehweg, und aus einem geöffneten Fenster im ersten Stock schallt leise Musik herab –, aber im Vergleich zu dem permanenten Grundrauschen im Büro fühlt es sich an, als hätte jemand die Welt um mich herum auf halbe Lautstärke gedreht.
Drei Wochen.
Ich muss nur noch packen. Toni einsammeln. Fenja einsammeln. Auf die Autobahn kommen. Nicht noch einmal heimlich auf dem Handy die Mails checken. Nicht darüber nachdenken, ob Keller die gelb markierten Punkte in der Tabelle wirklich findet. Nicht überlegen, ob ich die Kaffeemaschine im Pausenraum ausgeschaltet habe, obwohl ich heute gar keinen Kaffee getrunken habe.
Einfach nur Urlaub.
Hm. Einfach.
Das Wort klingt in meinem Kopf gerade verdächtig nach einer gut getarnten Falle.
»Elli?«, fragt Toni, und ihre Stimme hat scheinbar all die künstliche Lautstärke verloren. Trotzdem reißt sie mich aus meinen Gedanken. »Alles gut bei dir?«
Ich blinzle und starre auf das Lenkrad, als hätte sie mich bei etwas ertappt, von dem ich selbst noch gar nicht wusste, dass ich es tue.
»Ja …« Ich merke selbst, wie mechanisch das Wort klingt.
Im abgedunkelten Autodisplay sehe ich mein eigenes Spiegelbild. Die müden Augen hinter der runden Brille. Die lila Haare, die nach dem kurzen Moment in der Tiefgarage noch immer ein bisschen zu wild in alle Richtungen abstehen.
Langsam atme ich aus und lasse den Kopf gegen die Kopfstütze sinken.
»Ich glaube, ich spür gerade zum ersten Mal, dass es wirklich losgeht. Dass der Druck abfällt, weißte?«
Am anderen Ende der Leitung bleibt es einen kurzen Moment lang ganz ruhig. Kein Rascheln, kein Klirren.
»Gut«, sagt sie schließlich, und ihre Stimme ist ungewohnt sanft. »Wurde auch verdammt noch mal Zeit, Elli.«
Und weil ihr dieser Moment der ehrlichen Sentimentalität offenbar sofort ein bisschen zu nah geht, räuspert sie sich lautstark.
»So. Und jetzt beweg deinen Hintern aus dem Auto und geh packen, bevor Fenja uns beide wegen logistischer Unzurechnungsfähigkeit aus ihrem Testament streicht.«
»Hä, Fenja kann uns nicht enterben, wir sind gar nicht verwandtschaftlich verbunden.«
Toni stößt ein so tiefes, theatralisches Stöhnen aus, dass ich das Gefühl habe, sie bricht am anderen Ende der Leitung gleich zusammen.
»Mimimi, wir sind gar nicht verwandtschaftlich verbunden«, äfft sie mich mit unerträglich hoher Piepsstimme nach, nur um sofort wieder in ihren gewohnten, rotzigen Tonfall zu verfallen. »Keiner mag Klugscheißer, Bitch. Aber im Ernst: Fenja kann alles, wenn sie uns nur lang genug mit diesem enttäuschten Blick ansieht. Du weißt ganz genau, welchen ich meine.«
Zugegeben, der enttäuschte Blick hat sich mittlerweile fest in mein Hirn eingebrannt. Ich muss leise lachen, öffne die Autotür und steige aus.
Die Luft draußen ist warm. Nicht drückend heiß, aber sie hat diese weiche, sonnenaufgeladene Wärme, die sich nach Feierabend im Sommer anfühlt. Und obwohl wir schon seit einer Woche so ein Wetter haben, hat sich bisher noch kein Feierabend so angefühlt.
»Zwanzig Minuten, okay?«, raune ich und versuche, selbst daran zu glauben.
»Laber nicht, das hast du vorhin schon gesagt, Elli.«
»Dann halt fünfzehn. Ich renne ja schon.«
»Viel Erfolg. Ich freu mich schon darauf, dir meine Unterhosen auszuleihen, weil du die vergessen hast.«
»Ach halt's Maul, Toni.«
»Ja, ja. Pack einfach. Ich zieh mir in der Zeit mal ganz gemütlich Socken und Treter an.«
»Warte mal. Hast du nicht gesagt, du bist fertig angezogen?«
»Ja, und? Fehlen nur die Schuhe. Füße rein, Schnürsenkel zu, fertig. Mach kein Drama draus. Außerdem – und das ist das eigentlich Wichtige hier, Schätzchen – steht mein Koffer jetzt fix und fertig gepackt an der Tür. Physisch. Real. Anfassbar. Wer von uns beiden musste nochmal gleich erst anfangen? Ha. Richtig. Geh packen, Elisabeth.«
Ihr lautes, völlig unschuldiges Lachen ist das Letzte, was ich durch den Lautsprecher höre, bevor ich kopfschüttelnd auflege und mit einem viel zu hektischen Schritt auf meine Haustür zulaufe.
In meiner Wohnung empfängt mich die typische, leicht abgestandene Stille eines Ortes, den man gleich für längere Zeit verlassen wird. Es ist angenehm kühl, ich hab heute Morgen schon die Vorhänge zugezogen und über Nacht ausgelüftet. Der Schlüsselbund landet mit einem scheppernden Geräusch auf der Kommode im Flur. Ich atme flach durch, befreie meine Füße von den Sneakern und brauche genau eine Sekunde, um es zu bereuen. Ich muss in spätestens zehn Minuten sowieso wieder los. Warum habe ich sie also ausgezogen?
Ich starre hinab auf die abgelatschten Nikes, die jetzt schief und verloren im Flur herumliegen. Sie wirken ein bisschen so, als wüssten sie selbst nicht so recht, warum sie gerade von meinen Füßen geflogen sind. Ich seufze leise, verdrehe die Augen und stehe einfach nur da. Urlaubsreif sollte im Duden mit meinem aktuellen Gesicht abgedruckt werden.
Kurzerhand entziehe ich meinem Gehirn sämtliche administrativen Rechte, bevor es noch mehr Schaden anrichten kann, und befehle meinen Füßen den Marsch ins Schlafzimmer.
Dort, auf dem Dielenboden, liegt er: mein großer, tiefblauer Koffer. Er klafft weit offen wie das Maul eines hungrigen Tieres, das darauf wartet, gefüttert zu werden. Auf meinem Nachttisch liegt die besagte Liste, fein säuberlich ausgedruckt. Ich nehme sie in die Hand, starre auf die hellgrün markierte Zeile Socken (zwölf Paar, weich, keine störenden Nähte) und spüre sofort, wie die erste Welle der Überforderung über mir zusammenschlägt.
Ich trete vor meinen Kleiderschrank, öffne die Schublade und betrachte genervt die chaotische Ansammlung von Stoffknäueln. Socken aussuchen kann doch nicht so schwer sein, verdammt noch mal.
Aber … Toni hatte natürlich recht gehabt.
Ich greife nach dem ersten Paar, streiche mit den Fingern über die Spitze und spüre sofort diese winzige, harte Naht an den Zehen. Unbrauchbar. An guten Tagen ignoriere ich so etwas, aber an schlechten Tagen – oder an solchen, an denen mein Nervensystem nach Monaten im Funktionsmodus ohnehin kurz vor dem Kurzschluss steht – fühlt sich so eine Naht an wie Sandpapier auf nackter Haut.
Ich werfe sie zurück in die Schublade. Das nächste Paar ist zu dick. Das übernächste rutscht an der Ferse. Warum zur Hölle bewahre ich die eigentlich auf?
Ach so, stimmt. Wegen der Angst, plötzlich keine Socken mehr zu haben, weil man vergessen hat, die Wäsche anzuschalten. Oder die fertige Wäsche stundenlang in der Waschmaschine vergisst. Oder die Maschine gar nicht erst eingeschaltet hat und die Wäsche dich beleidigt durch das Bullauge anschaut.
Ich seufze verzweifelt. Hätte jemand noch ein Spenderhirn?
Nach quälenden fünf Minuten, in denen ich schlichtweg unfähig bin, eine Entscheidung über verdammte Socken zu treffen, atme ich zittrig aus.
Scheiß auf Perfektion.
Ich greife blind in die Schublade, ziehe sechs Paar der bewährten Baumwollsocken heraus, pfeffere sie ungeordnet in den Koffer und mache einfach weiter.
Drei graue Hoodies. Ja, sie haben unterschiedliche emotionale Einsatzzwecke. Der eine ist für regnerische Nachmittage, der andere für kühle Abende am See und der dritte für Tage, an denen ich mich einfach vor der Welt verstecken will. Sie landen im Koffer.
Ich nehme eine Jeans in die Hand, betrachte den steifen, unnachgiebigen Stoff und merke, wie sich in mir tiefer Widerstand regt.
Halt. Stopp.
Ich fahre in den Urlaub. Meinen verkackten Urlaub. Warum sollte ich also freiwillig ein Kleidungsstück einpacken, das keinerlei Empathie für meinen aktuellen körperlichen Zustand besitzt? Ich bin ein Jogginghosen-Girl, wann immer es das Leben irgendwie zulässt – und in den nächsten drei Wochen lässt es das definitiv zu.
Ich pfeffere die Jeans also mit einem beispiellosen Schwung zurück in den Schrank und greife stattdessen nach drei herrlich ausgeleierten Jogginghosen, die im Grunde nur noch durch das Gummi zusammengehalten werden. Und plötzlich geht alles viel einfacher. Instinktiv greife ich nur nach Sachen, die ich gerne trage: oversized T-Shirts, meine Lieblings-Polos, eine Kappe, kurze Stoffhosen, Schwimmsachen.
Keine zehn Minuten später ziehe ich den Reißverschluss des Koffers mit einem lauten, befriedigenden Ratsch zu. Ich richte mich auf, lasse die Rollen vom Koffer über den Holzboden gleiten und bleibe schließlich an der Wohnungstür stehen. Ich hab's echt geschafft. Der Koffer ist gepackt, gleich geht's in den Urlaub. Gott, Elli, du kannst halt gerade einfach mal stolz auf dich sein.
Für einen kurzen Moment drehe ich mich noch einmal um und blicke zurück in den Flur. Die Wohnung ist vollkommen still. Kein Summen von Bildschirmen, keine blinkenden LEDs, kein leises Vibrieren des Arbeitshandys. Nur die abgestandene Luft und meine abgeworfenen Sneaker, die mich stumm daran erinnern, dass ich gerade ohne Schuhe das Haus verlassen wollte. Upsi.
Es ist trotzdem ein seltsames, fast unheimliches Gefühl, meine Wohnung jetzt für drei Wochen zu verlassen. Früher war sie immer mein Rückzugsort, doch spätestens seit ich auch von zu Hause arbeite, lässt mich meine offene To-do-Liste auch hier nicht los. Noch dazu hab ich ehrlicherweise die Wohnung in den letzten Wochen vernachlässigt. Ich hatte einfach keine Kraft mehr, mich um die Pflänzchen zu kümmern, die Post zu öffnen oder die viel zu volle Tasche mit Pfand wegzubringen.
Hm. Sich in seinen eigenen vier Wänden nicht mehr wohlzufühlen ist echt irgendwie bescheuert, oder?
Nur werde ich das mit einem verlorenen Blick in den Flur – erst recht jetzt, kurz vor meinem Urlaub – sowieso nicht lösen können. Mit einer entschlossenen Bewegung reiße ich mich also von dem Anblick los, schlüpfe zurück in meine Sneaker, ziehe die Wohnungstür hinter mir ins Schloss und drehe den Schlüssel zum letzten Mal um. Das laute, metallische Klicken setzt einen wunderbar pragmatischen Schlussstrich unter meine kleine, melancholische Flur-Krise.
Ich atme noch einmal tief durch und umklammere den Griff meines Koffers. Als ich das Monstrum kurz darauf die Treppen hinunterschleppe, protestiert mein Rücken sofort lautstark gegen die unangekündigte körperliche Belastung, aber das Adrenalin hält mich auf den Beinen. Ich hieve das Gepäckstück mit einem dumpfen Ächzen in den Kofferraum meines geliebten Audis, werfe meine Tasche hinterher und lasse mich erschöpft auf den Fahrersitz fallen.
»Phase eins abgeschlossen«, murmle ich, starte den Motor und fahre los.
Da Toni glücklicherweise nur ein paar Straßen weiter wohnt und sich der Feierabendverkehr fast vollständig in Luft aufgelöst hat, dauert die Fahrt tatsächlich nur die üblichen fünf Minuten. Als ich schließlich in ihre Straße einbiege, sehe ich sie schon von Weitem auf der Mauer vor ihrem Haus sitzen.
Ich muss unwillkürlich grinsen.
Toni trägt eine viel zu weite, bunte Shorts, ein ausgewaschenes Band-Shirt und auf ihrer Nase thront tatsächlich die erste der vier angekündigten Sonnenbrillen – ein riesiges, neongrünes Modell aus den Neunzigern, das ihr halbes Gesicht verdeckt. Ihr knallroter Koffer steht neben ihr auf dem Gehweg, und man sieht an den ausgebeulten Rändern deutlich, dass sie ihn im wahrsten Sinne des Wortes mit Gewalt bezwungen hat.
Als ich den Wagen am Straßenrand ausrollen lasse, springt sie schwungvoll von der Mauer. Zu meiner Erleichterung trägt sie tatsächlich Schuhe: ihre völlig abgewetzten, schwarzen Vans, die sie im Gehen noch hektisch versucht, an den Fersen hochzuziehen.
Als ich zum Stehen komme, bückt Toni sich und grinst durch die geschlossene Beifahrerscheibe. Ich drücke den Knopf an der Tür und lasse sie nach unten fahren.
»Willst du nicht wenigstens für eine Umarmung aussteigen?«, fragt sie und fügt mit einem vielsagenden Grinsen hinzu: »Ich glaube, du hast sie gerade ein bisschen nötiger als ich.«
Ich verdrehe lachend die Augen, weiß aber, dass sie vollkommen recht hat. Grinsend steige ich aus dem Auto und Toni zieht mich sofort in eine feste, liebevolle Umarmung. Ich würde lügen, wenn ich so täte, als wäre das nicht dringend nötig gewesen.
»Und nun lass uns dieses Ungetüm verladen«, sagt sie, als wir uns voneinander lösen.
Gemeinsam wuchten wir ihren tonnenschweren Koffer in das Auto. Das Heck des Audis sinkt merklich ein paar Zentimeter tiefer in die Federn, was selbst Toni etwas peinlich berührt hinterlässt.
Als wir beide schließlich im Auto sitzen, schreibt Toni eine kurze Nachricht an Fenja, dann dreht sie sofort das Radio lauter. Ein treibender, sommerlicher Indie-Pop-Song füllt den Wagen. »Nächster Halt: Die Festung der Effizienz«, verkündet Toni und tippt im Takt der Musik auf dem Armaturenbrett herum.
Fenjas Wohnung liegt auch nur ein paar Querstraßen weiter in einem ruhigen, fast schon spießigen Wohngebiet. Und genau so, wie wir es erwartet haben, steht Fenja bereits auf dem Gehweg, als wir um die Ecke biegen.
Sie ist der absolute Gegenentwurf zu Toni. Ihr eleganter, mattschwarzer Hartschalenkoffer steht perfekt parallel zur Bordsteinkante. Sie trägt eine schlichte, dunkle Jeans, einen dünnen, perfekt sitzenden beigen Pullover und hält ein kleines Buch in den Händen, das sie beim Herannahen meines Autos ruhig zuklappt und in ihrer Umhängetasche verstaut.
»Sie macht das mit Absicht, um uns zu demütigen, oder?«, flüstert Toni mit gespieltem Argwohn, während ich den Wagen stoppe.
»Safe«, stimme ich zu.
Fenja tritt an die Beifahrertür, wirft einen kurzen, prüfenden Blick durch die Scheibe und schenkt uns ein feines, fast unmerkliches Lächeln. »Ihr seid nur sieben Minuten zu spät. Ich bin beeindruckt. Habt ihr euch unterwegs wieder gegenseitig angeschrien?«
»Elli hat angefangen. Sie hat meine modische Integrität infrage gestellt«, beschwert sich Toni sofort, während sie aussteigt, um Fenjas Koffer entgegenzunehmen.
»Ich habe lediglich die Notwendigkeit von vier Sonnenbrillen angezweifelt«, verteidige ich mich vom Fahrersitz aus.
Fenja schüttelt belustigt den Kopf. »Toni braucht die Brillen, Elli. Wie soll sie sonst verbergen, dass sie die Hälfte des Urlaubs verschläft?«
»Danke. Endlich mal eine Stimme der Vernunft in diesem Auto«, ruft Toni aus dem Heckbereich.
Nachdem auch das letzte Gepäckstück sicher verstaut ist, rutscht Fenja auf die Rückbank. Der Geruch von ihrem unaufdringlichen Parfum breitet sich im Auto aus und bringt eine seltsame, beruhigende Ordnung mit sich. Sie lehnt sich zurück, zieht die Beine leicht an und sieht mich durch den Rückspiegel an. Ihre dunklen Augen sind ruhig, aber aufmerksam.
Ihre Hand landet kurz auf meiner Schulter und sofort spüre ich eine wohlige, angenehme Wärme. Fenja hat noch nie viele Worte gebraucht, um mich zu erden. Zwischen uns reichen oft nur Blicke, um tiefes Verständnis herzustellen. Das liebe ich an ihr.
»Alles okay bei dir, Elli?«, fragt sie schließlich, und in ihrer Stimme liegt diese feine, unaufgeregte Fürsorge.
Unsere Blicke treffen sich kurz im Rückspiegel. Ich schenke ihr ein ehrliches, sanftes Lächeln und nicke.
»Ja«, sage ich, und dieses Mal meine ich es wirklich so. »Jetzt schon.«
Toni wirft sich in den Sitz und ich setze den Wahlhebel auf D. Kurze Zeit später steuere ich tatsächlich die Autobahnauffahrt an.
Die Stadt gleitet langsam an uns vorbei. Die grauen Betonblocks der Bürogebäude, die hektischen Menschen an den Haltestellen, die Werbeplakate – all das verliert im warmen Abendlicht an Bedeutung. Es schrumpft im Rückspiegel zusammen, wird kleiner und unbedeutender, während die Straße vor uns sich öffnet.
Die Sonne sinkt bereits tiefer Richtung Horizont und taucht die Welt in ein sanftes, bernsteinfarbenes Licht, das alles fast ein wenig magisch wirken lässt. Toni hat inzwischen eine Hand aus dem geöffneten Beifahrerfenster gestreckt und lässt sie im warmen Fahrtwind auf und ab gleiten, wie eine Surferin auf einer unsichtbaren Welle. Fenja schaut schweigend aus dem Fenster, ein leichtes, zufriedenes Lächeln auf den Lippen, während über ihre Over-Ear-Kopfhörer vermutlich schon ihre Lieblings-Playlist läuft.
Als wir schließlich auf die dreispurige Autobahn auffahren, spüre ich es zum ersten Mal: Das leise, permanente Summen in meinem Kopf wird weniger. Nicht weg, noch nicht. Aber leiser.
Die Fahrt vor uns ist lang. Sie wird die ganze Nacht dauern, und wir werden erst irgendwann in den frühen Morgenstunden ankommen. Aber das ist in Ordnung. Wir haben uns darauf geeinigt, uns beim Fahren und Schlafen abzuwechseln, damit ich nicht schon am ersten Tag völlig übermüdet ankomme und den halben Urlaub verschlafe. Und falls doch, dann bitte aus purer Erschöpfung vom Leben, nicht vom Fahren.
Kaum haben wir die ersten Kilometer hinter uns, holt Toni grinsend eine Packung Gummibärchen und zwei eiskalte Monster Energy aus ihrer Tasche.
»Ich hätte da Proviant«, verkündet sie freudestrahlend.
Fenja blickt kurz von der Rückbank nach vorn. »Das ist kein Proviant. Das ist ein medizinischer Zwischenfall mit Zuckerzusatz.«
»Und trotzdem willst du gleich was abhaben.«
»Natürlich.«
Ich muss lachen. Diesmal nicht haltlos, nicht erschöpft, nicht als Ventil für zu viel Druck. Einfach so, weil ich diese zwei so unendlich liebe.
Toni reißt die Tüte auf, der Geruch von Gummibärchen mischt sich mit Fahrtwind und Sommerabend. Neben mir klimpert eine Energy-Dose im Getränkehalter, Fenja greift beherzt in die Tüte und vor uns zieht sich die Autobahn in den goldenen Horizont.
Zum ersten Mal an diesem Tag fühlt sich mein Kopf leicht an. Mit diesen zweien wird der Urlaub vor allem eines: Perfekt unperfekt. Einfach genau das, was ich aktuell brauche.
Deshalb grinse ich grundlos vor mich hin, lege beide Hände etwas lockerer ums Lenkrad und lasse die letzten Monate gemeinsam mit der Stadt im Rückspiegel verschwinden.
Die Charaktere
Lern die Herzen der Geschichte kennen.

Protagonistin
Elli Brandt
Elli ist sechsundzwanzig und hat das Funktionieren zur Kunstform gemacht: zuverlässig, organisiert, immer für alle anderen da – nur für sich selbst kaum noch. Der dreiwöchige Urlaub am Schimmersee mit ihren besten Freundinnen soll endlich eine Pause sein. Doch ohne Arbeit und Dauerstress merkt Elli erst, wie erschöpft sie wirklich ist.
Hinter runder Brille und lila Haaren steckt eine aufmerksame, trocken-humorige Frau, die viel beobachtet und wenig von sich preisgibt. Am Schimmersee lernt sie zum ersten Mal seit Langem wieder, ihrer eigenen Sehnsucht zuzuhören.
- Alter26
- Größe1,64 m
- BerufProjektkoordination
- HobbyLesen

Love Interest
Jonna „Joy“ Kröger
Jonna arbeitet am Waldhotel am Schimmersee und scheint einfach dazuzugehören – wie die Feuerstelle und der Geruch von warmem Holz nach einem Sommertag. Fast alle nennen sie Joy. Grünes Haar, ein Karabiner an der Hüfte und ein Lächeln, das Menschen sofort weicher macht.
Sonnig, geerdet und kompetent lebt Jonna weniger im Kopf als Elli – und bringt damit deren sorgfältig sortiertes Selbstbild gehörig durcheinander. Doch hinter ihrer offenen Art steckt auch eine leisere, ernstere Seite: Jonna hat eigene Wünsche, Grenzen und eine Geschichte, die nicht nur Kulisse für Ellis Entwicklung ist.
- Alter25
- Größe1,57 m
- BerufAllrounderin im Waldhotel
- HobbyVolleyball & Tüfteln

Beste Freundin
Toni Seidel
Toni ist laut, warm und spontan – und mit einem gefährlich guten Gespür für Menschen ausgestattet. Auf den ersten Blick chaotisch und witzig, merkt sie schneller als alle anderen, wenn jemand sich verstellt oder emotional ausweicht.
Für Elli ist sie Nervensäge, Schutzschild und Stimmungsmacherin in einem – die Freundin, die unbequeme Wahrheiten mit einem Grinsen serviert und trotzdem meistens recht hat.
- Alter26
- Größe1,74 m
- BerufVerkäuferin im Einzelhandel

Beste Freundin
Fenja Ahrens
Fenja ist die Ruhige der Gruppe. Als Immobilienmaklerin wirkt sie souverän und sicher im Umgang mit Menschen; privat ist sie deutlich leiser, zeichnet ständig in ihrem Skizzenbuch und zieht sich gern in ihre eigenen Welten zurück.
Sie sagt selten viel – aber wenn sie etwas sagt, trifft es genau ins Zentrum. Fenja ist der stille Anker der Gruppe und zeigt, dass Nähe nicht laut sein muss.
- Alter27
- Größe1,68 m
- BerufImmobilienmaklerin
- HobbyZeichnen
Der Schauplatz
Komm mit an den Schimmersee.
Waldhotel am Schimmersee
Extras
Tauch tiefer in die Welt ein.
Ein Blick hinter die Geschichte – für alle, die noch ein bisschen länger am Schimmersee bleiben möchten.
Background-Info Der Schimmersee & das Waldhotel
Der Schimmersee liegt eingebettet zwischen alten Buchen und Tannen, weit genug weg von der Stadt, dass das Handynetz freiwillig aufgibt. Wer dem schmalen Waldweg folgt, vorbei am hölzernen Wegweiser, kommt irgendwann an die Stelle, an der sich die Bäume öffnen und das Wasser zwischen den Stämmen aufblitzt.
Mittendrin: das Waldhotel & Ferienpark. Zwei locker zwischen den Bäumen angelegte Hüttenringe, ein Hauptgebäude mit knarzenden Dielen, das Café Waldblick mit seiner Terrasse – und eine kleine Feuerstelle bei der Grillhütte, die abends zu Stockbrot und gemeinsamem Verweilen einlädt. Tagsüber riecht es nach warmem Holz und Sonnencreme, nachts nach Lagerfeuer und Seeluft.
Es ist ein Ort, der einem nichts abverlangt. Genau das macht ihn für Elli so gefährlich: Wo nichts von ihr erwartet wird, bleibt plötzlich Raum für all das, was sie sonst gut wegorganisiert. Für Stille. Für Freundschaft. Und für ein freches Lächeln, das sie nicht mehr loslässt.
